Montag, 30. Juni 2008

September 94

Seit 15 Jahren toure ich rund um die Welt, seit 14 Jahren werde ich dabei von Drogen begleitet. Anfangs reichte eine Flasche Bourbon, um mir das richtige On-the-Road-Gefühl zu verleihen, kurze Zeit später hing ich an der Nadel. Wir waren Support von Blur als diese 1994 ein paar Gigs in Deutschland spielten. Schon zuvor experimentierte ich mit einer Vielzahl von Aufputschmitteln, schluckte Pillen, zog mir weißes Pulver in die Nase oder rauchte an Dans Crackpfeifchen mit. Ich kann mich in dieser Zeit an kein einziges Konzert erinnern, bei dem alle vier Bandmitglieder zumindest halbwegs nüchtern auf der Bühne gestanden wären. Doch was im September 94 passierte, stellte bis dato alles in den Schatten.
Ich kannte Damon und seine Band nur flüchtig, da wir stets in getrennten Bussen zu den Konzerten anreisten. Vor dem Gig in Köln hingen wir dann zusammen im Backstagebreich ab und leerten ein paar Pullen Jägermeister. Es ist kaum zu glauben wie die Engländer auf dieses Gesöff abgehen. Obwohl ich schon zugedröhnt ohne Ende war, weiß ich noch genau, wie Damon mich damals ansah und mich fragte, ob ich Lust hätte mir mit ihm einen Schuss zu setzen. Ohne auf eine Antwort zu warten warf er mir ein sauberes Spritzbesteck auf den Schoß, lachte kurz betrunken auf und winkte mich in Richtung der Sanitärräume. Ich folgte seinem Aufruf und als ich die Türe zu den Toiletten öffnete, saß Damon schon auf dem weiß gefließten Boden und erhitzte das feine Pulver mit seinem Zippo in einem Löffel, den er vom Büffet geklaut hatte. Der Feststoff verwandelte sich in eine gold-braune Flüssigkeit, die verdünntem Ahornsirup glich. Damon signalisierte mir, dass ich das Zeug jetzt in meine Spritze ziehen könnte. Ich tat es, als hätte ich es schon hunderte Male zuvor gemacht. Dann setzte ich mich auf den freien Flecken Fließe neben meinem Musikerkollegen, schnürte meinen linken Oberarm mit meinem Halstuch ab und klopfte einige Male kräftig auf die Armbeuge, bis sich eine Vene unter der Haut bemerkbar machte. Kurz überlegte ich noch, ob ich das wirklich machen möchte, letztendlich war es mir dann aber egal, ob ich mir den Scheiß durch die Nase ziehe oder in die Adern jage. Ich hatte jegliche Hemmungen verloren und näherte die Nadel ihrem Ziel entgegen. Kurz schien es so, als ob meine Haut sich gegen die Einfuhr des Fremdstoffes wehren wollte. Mit ein wenig mehr Druck durchbrach ich die letzte Instanz des Widerstands und drückte den Kolben der Spritze langsam nach unten.

Mit einem Schmunzeln auf der Lippe blicke ich der an ihrem Bierbecher nippenden Frau Musikexpress in die Augen und frage sie in Gedanken, was sie von dieser Story halten würde.

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